Radio Lumière Modul Port-de-Paix Cap-Haitien Pignon Artibonite Hinche Delpeche Menelas Côte Plage Pétionville Boutillier Jacmel Tête Boeuf Les Cayes | Cité Lumière Torbeck Morne-Brieux Jérémie Studio Jérémie Sender Montagnac Dame Marie

Auch außerhalb der Baustelle gibt es vor allem für die Teilnehmer, die Haiti zum ersten Mal besuchen, jede Menge Eindrücke zu verarbeiten.Das Abenteuer beginnt beim Verlassen unseres Gästehauses: Zunächst schaukelt man die mit grobem Kies geschotterte Zufahrtsstraße vor zur Hauptstraße. Da kann es schon mal passieren, dass der Weg durch einen Kieshaufen versperrt ist,weil die Straße ausgebessert wird. Irgendwie kommt man trotzdem vorbei. Auf der Hauptstraße zur Stadt herrscht immer reger Verkehr. Vor allem die unzähligen Mopeds sowie bunte Taptaps (Taxis) prägen das Straßenbild. Die Mopeds sind selten mit einzelnen Personen besetzt, meist findet eine komplette Familie Platz. Ist man abends unterwegs (um ca 18Uhr wird es dunkel), gewinnt man den Eindruck, dass Fahrzeugbeleuchtung in Deutschland völlig überbewertet wird:

Viele Mopeds fahren ohne Licht, oder einer der Mitfahrer leuchtet mit dem Handy. Da steigt dann doch der Puls ein bisschen, wenn beim Überholen plötzlich wie aus dem Nichts ein Handylicht vor dem Auto auftaucht... Dafür fährt kein Fahrzeug ohne Hupe, von der auch reger Gebrauch gemacht wird. Viele Fahrzeuge fahren kurzfristig überhaupt nicht mehr und müssen eben wo sie liegengeblieben sind repariert werden.

Einkäufe werden häufig auf der Straße abgewickelt, Händler gibt es überall und für alles. Der Händler nennt seinen Preis, der allerdings je nach Hautfarbe des Käufers stark differieren kann. Dann wird gehandelt und irgendwann kommt es meist zu einer Einigung. Allerdings sollte man der Landessprache Kreolisch schon mächtig sein. Deshalb überlassen wir das Handeln meist unserem Reiseleiter Johannes.
Schuhe ersteht man am besten auf dem Schuhmarkt: Unter unzähligen Schirmen werden unzählige Schuhe, meist Second-Hand-Ware, angeboten. Zuerst müssen zwei zusammengehörige Schuhe in passender Größe gefunden werden, der Verkäufer ist hierbei gerne behilflich; ist diese Hürde genommen, kann man in die Preisverhandlungen einsteigen.

Nicht nur der Handel findet auf der Straße statt, hier wird auch gekocht oder Dinge aller Art repariert. Besonders begeistert hat uns eine Gruppe, die Handys reparierte: Die Jungs saßen mit den kaputten Handys am Straßenrand, als Stromerzeuger für den Lötkolben diente ein altes Moped!

Am Sonntag besuchten wir den Frühgottesdienst um 6Uhr in der Baptistenkirche, die Johannes gerne besuchte, als er hier lebte. Selbst zu dieser frühen Stunde war viel los auf der Straße. Bei unserer Ankunft waren die allermeisten Sitzplätze bereits belegt und wir wurden auf freie Plätze ganz vorne gebeten. Auffallend ist, wie viele Familien den Gottesdienst besuchen. Uns gegenüber saß beispielsweise eine Familie mit drei kleinen Kindern, alle "wie aus dem Ei gepellt" gekleidet und die kleinen Mädels höchst aufwändig frisiert, und das morgens um 6! Zunächst wurden unter Leitung eines Mitarbeiters am Mikrofon Lobpreislieder gesungen. Da uns einige der Melodien bekannt waren, konnten wir sogar mitsingen. Dass wir den Text falsch ausgesprochen haben, bekam bei der Lautstärke des Gesangs sowieso keiner mit. Der Pastor predigte laut und wortgewaltig und mit viel Bezug zur Realität über 1.Mose 33 (Jakobs Versöhnung mit Esau). Zum Glück hatte Johannes eine deutsche Bibel dabei und übersetzte für uns das wichtigste, sodass wir mitkriegten, worum es ging.
Nachmittags fuhren wir zum Hafen. Johannes hatte ein Motorboot gemietet, das uns zur nahe gelegenen Ile à vache bzw. zu einer dieser vorgelagerten Sandbank brachte. Dort wurden wir mit reichlich Picknick und Schnorchelutensilien ausgesetzt...

Gestern machte sich ein Teil der Gruppe wieder früh auf den Weg zur Baustelle. Es empfiehlt sich, die frühen Morgenstunden ab 6Uhr, wenn es hell wird, auszunutzen. Später wird es über 30 Grad heiß und bei der hohen Luftfeuchtigkeit rinnt der Schweiß in Strömen. Der Rest der Gruppe kam, nachdem die letzten Eisen gebogen und diverse Einkäufe erledigt waren, nach. Das war allerdings Stunden später, denn Einkaufen kostet Zeit... Man muss viele Händler aufsuchen, viel erklären, viel handeln...
Die Baustelle bietet auch für den Teil der Gruppe, der weniger tatkräftig an den Bauarbeiten beteiligt ist, viel Interessantes: Es ist faszinierend zuzuschauen, wie Anweisungen auf Englisch, Französisch, Kreolisch oder auch mit Händen und Füßen weitergegeben und mehr oder weniger eifrig befolgt werden. Der haitianische Bauleiter "Boss Jo" ist nicht immer vor Ort und packt nur ganz selten selbst mit an. Die Haitianer äußern laut ihr Erstaunen darüber, wie die Deutschen, insbesondere die Chefs, schuften.
Die Baustelle scheint das Dorfereignis des Jahres zu sein. So haben wir den ganzen Tag über viele Zuschauer, die zu allem ihren Kommentar abgeben, viel lachen, palavern, im Weg stehen, mit den Deutschen Kontakt aufnehmen wollen oder eben nur von weitem zusehen.
Auch gestern wurde wieder bis nach Einbruch der Dunkelheit gearbeitet. Als wirklich nichts mehr zu sehen war, packten wir unsere Sachen zusammen, verstauten sie in dem Senderhaus bzw. dem Auto, und traten den Weg zurück nach Les Cayes an.